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Theologie der Geometrie - Über den Platonismus in der modernen Architektur

März 12, 2008 · Keine Kommentare

Wer den Borobodur, den grandiosen Außenposten der europäisch-asiatischen Kultur aus dem 8. Jahrhundert auf der fernen Insel Java, besucht, der macht eine merkwürdige Erfahrung. In einem einzelnen Bauwerk ist hier ein Gedanke verwirklicht, der auch der Entwicklung des Grundstromes der modernen Architektur westlicher Prägung zugrunde zu liegen scheint.

Der Borobodur gilt wegen seines einzigartigen Baukonzeptes und der Qualität, mit der es ausgeführt wurde, als eines der bedeutendsten Bauwerke Asiens, ja der Welt. Merkwürdig an diesem riesigen Bau des Mahajana-Buddhismus, in den man nicht eintritt, sondern den man meditativ begeht, ist bereits die Kombination von Stupa, Mandala und Stufenpyramide. Völlig außergewöhnlich aber ist die Entwicklung seiner Bauformen, die in den unteren Partien von überbordendem Reichtum sind, nach oben aber immer einfacher werden. Die Erbauer des Borobodur ließen dabei nicht nur den Grundsatz der Kontinuität des Stiles außer Acht, der für Gebäude, denen ein einheitlicher Plan zu Grunde liegt, ansonsten so etwas wie eine Konstante der Baukunst ist. Sie stellten auch die architektonische Regel des europäisch-asiatischen Kulturkreises auf den Kopf, die oberen Partien eines repräsentativen Gebäudes als krönenden Abschluss auszubilden.

Die fünf unteren Stufen des Borobodur, welche die Grundform eines Quadrates haben, sind über und über mit feinsten Steinmetzarbeiten geschmückt. Die erste Stufe umlaufen lange, verwinkelte Reliefgalerien mit außerordentlich detailreichen Schilderungen aus dem Leben von Mensch und Tier, die mit komplexen Profilen und reichem Ornament gefasst sind. Ähnlich lebhaft geht es auf der zweiten Stufe zu, auf der Bilder aus dem Leben des historischen Buddha gezeigt werden. Auf den nächsten drei Stufen wird die steigende Vergeistigung der verschiedenen Buddhas auf dem Weg zur Erlösung dargestellt. Dem entspricht eine „Verfremdung“ der Darstellung durch zunehmende Formalisierung der Bildgestaltung und Sparsamkeit des Dekors. Nach den fünf quadratischen Terrassen, deren Grundriss in sich sehr differenziert ist, folgen drei einfache, kreisrunde Stufen, die fast keine Baudekoration mehr aufweisen. Hier befinden sich 72 glockenförmige Stupas aus gitterförmig angebrachten Steinen, in deren Halbdunkel man gerade noch die idealisierten Statuen von Bodhisattvas erkennen kann, jenen „Heiligen“ im Vorstadium des Buddhatums, die nach den Vorstellungen des Mahajana-Buddhismus dem Gläubigen auf dem Weg ins Nirwana behilflich sind. Abgeschlossen wird das Ganze von einem ganz einfachen zentralen Stupa, dessen vermutlich leeres Inneres dem Blick dem Betrachters gänzlich entzogen ist.

Auf diesen oberen Stufen wird der Besucher des Borobodur, zumal nachdem er die lebensprallen unteren Stufen passiert hat, auf merkwürdige Weise von einem Gefühl der Leere erfasst. Für den (religiös) unbefangenen Betrachter wirken diese oberen Terrassen geradezu als Fremdkörper. Unwillkürlich fragt er sich, ob das Bauwerk unvollendet geblieben ist, etwa weil den Erbauern die Mittel ausgingen; oder ob seine oberen Stufen nach den Zerstörungen, die der Borobodur - ähnlich Pompeii - durch die Einwirkungen des nahe gelegenen Vulkanes Merapi erlitt, unvollständig rekonstruiert wurden. Dabei fallen ihm die merkwürdig verfremdeten Gebäude ein, die im Nachkriegseuropa unter Weglassen der ursprünglichen stilistischen Einzelheiten (nur) nach den alten Maßen wiederaufgebaut wurden.

Das Gefühl der Fremdheit und der Leere, das er auf den oberen Stufen des Borobodur erfährt, kennt der westliche Besucher aber auch sonst vom Gang durch seine Städte. Auch hier findet er, wenn auch nicht im Raum sondern in der Zeit gestreckt, eine radikale Reduktion der Formensprache. Am Anfang des 20. Jahrhunderts. sind die bestimmenden Bauwerke der westlichen Städte noch durch einen großen Reichtum an Formen und Ornamenten und phantasiereiche Anspielungen auf die Stile einer zweieinhalbtausend-jährigen Architekturgeschichte gekennzeichnet. In den folgenden Jahrzehnten reduzieren sich die Gestaltungselemente auf die Grundformen der Bautradition. Die Details, die zusammen mit dieser Tradition entstanden waren, fallen zunehmend weg. Danach haben sich im Hauptstrom des Architekturentwicklung - mehr oder weniger variiert - die leeren geometrischen Grundformen und die Betonung des Strukturellen durchgesetzt. Diese Entwicklung weist eine so große Ähnlichkeit mit dem Baugedanken des Borobodur auf, dass man hinter beiden die gleiche Geisteshaltung vermuten kann.

Dass der Borobodur auf so ungewöhnliche Weise von der allgemeinen architektonischen Praxis abweicht, hat seinen Grund darin, dass seine Erbauer in ihm eine philosophisch-religiöse Idee darzustellen versuchten. Nach buddhistischer Vorstellung erlangt der Mensch Erlösung, indem er durch geistige Konzentration, zu dem ihm unter anderem das Mandala verhilft, aus den Niederungen des alltäglichen Lebens in einen Zustand höheren (Bewusst-)Seins emporsteigt. Durch Abtöten der Begierden, die ihn an der wahren Erkenntnis hindern, lässt er stufenweise alles Konkrete und Individuelle „unter“ sich. Auf diese Weise verlässt er die Sphäre der Kausalität, in der Werden und Vergehen herrscht, und tritt aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten heraus, um ins Nirwana einzugehen, einem Zustand absoluter Veränderungslosigkeit, in dem er zu erhabener ewiger Ruhe kommt. Hinter dieser Vorstellung steht, wenn auch auf budhhistische Weise ins Nihilistische gewendet, die altindische Vorstellung von einer (höheren) Seinsform jenseits der Alltagswirklichkeit, ein Gedanke, der dazu führte, dass man diese (reale) Wirklichkeit schließlich als eine bloße Täuschung (Maya) ansah. Die lebendige Sphäre der Kausalität und der Alltagswirklichkeit wird am Borobodur mittels Figuren, Ornamenten und sonstiger architektonischer Differenzierungen dargestellt. Das entwicklungslose Absolute aber, das eigentlich nicht darzustellen ist, weil es seiner Natur nach überindividuell und formlos ist, wird durch die Reduktion auf die einfachsten Formen (nur) symbolisiert.

Aufs Erste gesehen scheint der Entwicklung der modernen Architektur, die, wie gesagt, in ihrer Hauptrichtung einen ähnlichen Weg gegangen ist, ein derart religiös - philosophischer Gedanke fern zu liegen. Die Reduktion der Form scheint hier neben vordergründig sozialkritischen Aspekten im wesentlichen durch fertigungstechnische und wirtschaftliche Gesichtspunkte bedingt. Und doch können diese „technischen“ Gesichtspunkte allein das Phänomen der modernen Architekturform nicht erklären. Dies zeigt schon die Tatsache, dass sie sich im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, in dem sie auch schon wirksam waren, nicht formreduzierend, sondern im Gegenteil sogar formdifferenzierend ausgewirkt haben. Die so genannte Gründerzeit etwa ist gerade durch einen besonders großen Reichtum an Stilen und Formen gekennzeichnet. Sogar die Wolkenkratzer Amerikas, von denen der Siegeszug der modernen Architektur ausging, sind anfangs noch ganz in den vielfältigen Formen der traditionellen Architektur gehalten. Im übrigen ist das Gesetz der Formreduktion auch in der neueren Zeit nicht unumschränkt wirksam. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem es seine großen Triumphe feierte, gab es davon immer wieder prominente Ausnahmen. Es kann daher kein Zweifel daran bestehen, dass auch im Falle des Hauptstromes der modernen Architektur eine Idee im Spiel ist, die über die vordergründigen praktischen Aspekte hinausgeht. Diese Idee ist, dies zeigt bereits die Ähnlichkeit der Lösungen, offensichtlich verwandt mit der Idee, die dem Borobodur zugrunde liegt. Alles spricht dafür, dass es sich dabei um eine Spielart des Platonismus handelt.

Nicht anders als das indische Denken, das vermutlich Pate stand, unterscheidet auch der Platonismus zwischen einem unsichtbaren Wirklichen und einem unwirklichen Sichtbaren. Dieser Gedanke taucht in Europa bekanntlich erstmals um 500 v. Chr., also etwa gleichzeitig mit dem Auftreten Buddhas in Indien, bei Parmenides von Elea auf. Bemerkenswerterweise enthält er schon hier ein Erlösungsmotiv, die Vorstellung nämlich, dass mit dem Erkennen des „Wirklichen“ ein Aufstieg vom irdischen Dunkel in eine himmlische Helle verbunden sei. Ein knappes Jahrhundert später brachte Platon diesen Gedanken in seiner Ideenlehre auf den Punkt. Nach dieser Lehre, die Platon exemplarisch in seinem berühmten Höhlengleichnis darlegte, ist die Welt, die wir für wirklich halten, nur der Abglanz von Ideen, welche die eigentliche Wirklichkeit sind. Im „Symposion“ heißt es in einer erstaunlichen Parallele zum buddhistischen Denken in Bezug auf die Idee des Schönen - um diese geht es im vorliegenden Zusammenhang - , sie kenne kein Werden und Vergehen, kein Wachsen und Verblühen und auch keine Bilder. Das Schöne spiegele sich vielmehr ewig in sich selbst. Auch bei Platon, der mindestens ebenso sehr Theologe wie Philosoph war, findet sich das Erlösungsmotiv. Denn wer die Idee des Schönen erschaut, soll unsterblich werden (was bei Platon, der auch von der Seelenwanderung ausgeht, ebenfalls das Entrinnen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten bedeutet). Seit Platon „geistert“ diese Wirklichkeitsvorstellung in allen möglichen Varianten durch das europäische Denken. Unsere Geistesgeschichte ist weitgehend eine Abfolge wiederkehrender Platonismen und realistischer Gegenreaktionen, wobei man im mittelalterlichen Universalienstreit, - dies zeigt, wie weit man die Dinge „verdrehen“ kann - ausgerechnet die platonisierende Position als Realismus bezeichnete.

Der Platonismus hat naturgemäß auch die Ästhetik, die Lehre von den Erscheinungsformen (des Schönen), beeinflusst. Dem entsprechend hat man - ähnlich wie im Falle des Borobodur - auch im Abendland versucht, die idealistische Wirklichkeitsvorstellung zu vergegenständlichen. Es lag nahe, dass man sich dabei auch des Stilmittels der Formreduktion bediente. Schon Parmenides vergleicht das anfangs- und endlose (wahre) Sein mit der Kugel als dem perfekten und einfachsten Körper. Platon stellt vor allem in seinem Spätwerk immer wieder Beziehungen zwischen den einfachen geometrischen Formen bzw. Zahlen und den Ideen her. Im „Timaion“ zieht er zur Bezeichnung des Vollkommenen Kugeln und Kreise heran. Von diesen wird die Vorstellung von Vollkommenheit auf die Körper übertragen, welche in enger Beziehung zur Kugel stehen. Dazu gehören insbesondere die fünf regelmäßigen geometrischen Körper, die von der Kugel einbeschrieben und umschrieben werden (Tetraeder, Würfel, Oktader, Pentagondodekaeder und Isokaeder). Da Platon mit Hilfe dieser Körper die Elemente und ihre Eigenschafen zu erklären versuchte, was, wie sich leicht vorstellen lässt, nicht ohne einige dogmatische „Anstrengungen“ - um nicht zu sagen Verdrehungen - abgehen konnte, wurden sie als „platonische Körper“ bezeichnet.

Von je her hat sich der idealistische Gedanke der Betonung einfacher geometrischer Formen auch auf die Architektur ausgewirkt. Er ist die Grundlage der regelmäßig wiederkehrenden Architekturströmungen, die wir als Klassizismus bezeichnen. Bis in das 20. Jahrhundert ist die Herrschaft des idealistischen Klassizismus freilich nie unumschränkt. Er wird immer durch Gegengewichte und konträre Bewegungen gemildert, die ihren Formenschatz vor allem der Natur entlehnen - man denke an die Figuren und die Pflanzenornamente, die sich etwa an antiken Tempeln finden, welche ihrerseits das Grundmuster der Klassizismen abgegeben haben. Die vormoderne Architekturentwicklung Europas ist dadurch gekennzeichnet, dass mal die naturnah-individual-isierenden, mal die mathematisch-typisierenden Aspekte der Form betont werden, die Form selbst aber immer beide Elemente enthält. Die (bloß) abstrakte Form hat in der Architektur, wenn man einmal von Sonderentwicklungen wie Pyramiden absieht, erst Anfang des 20. Jahrhunderts die Oberhand gewonnen. Seitdem bezieht die Hauptströmung der Architektur ihre Grundformen aus den platonischen Körpern.

Diese Entwicklung ist, auch wenn sie keinesfalls zwingend ist, kein Zufall. Sie ist Ausdruck der mathematisch-wissenschaftlichen Weltsicht der Neuzeit, in der Zahlen und geometrische Formen beherrschende Faktoren sind. Die platonischen Körper haben beim Entstehen dieser Weltsicht von Beginn eine wichtige Rolle gespielt. Schon Kepler, einer der Begründer des mathematisch-wissenschaftlichen Denkens, versuchte das neuzeitliche (heliozentrische) Weltsystem mit Hilfe der platonischen Körper zu erklären, was zu jener merkwürdigen Mischung aus Zahlenmagie und naturwissenschaftlich-mathematischem Denken führte, welche die Vorstellungswelt am Anfang der Neuzeit noch kennzeichnet. Seine Nachfolger haben die Zahlen und ihre geometrischen Derivate endgültig zum Maßstab der Weltinterpretation gemacht. Insofern ist Platon mit einem gewissen Recht auch immer wieder als einer der geistigen Väter der modernen Weltsicht gesehen worden.

Eine Architektur, die auf einer solchen Grundlage ruht, hat „naturgemäß“ einen Preis. In dem Maße, in dem die Idee an die Stelle des Persönlichen und Individuellen tritt, stellt sich auch ein Verlust an „Menschlichkeit“ ein. Die vormoderne Architektur suchte ihre Form- und Proportionsmodelle wie bei den unteren Stufen des Borobodur im Menschen oder in der lebendigen Natur. Die antike Säule etwa und ihre Nachfolger von der Gotik bis zum Barock hatte einen Fuß, einen Leib und einen Kopf, wobei man auf die Gestaltung des Kopfes (dem Kapitell- von lat. caput = Kopf) besonders großen Wert legte. In ähnlicher Weise war meist auch das Verhältnis der Teile eines Gebäudes zueinander aufgefasst. In der Regel hatte es einen erdenschweren Sockel, einen wohlproportionierten Körper und einen eindrucksvollen Abschluss in Form eines Giebels, eines Turmes oder eines Dachhutes. Die Fenster wurden wie die Augen einer schönen Frau, die Türen wie ein ausdruckvoller Mund hervorgehoben. Dem entsprechend waren Gebäude, soweit sie gestalterische Ansprüche erhoben, regelrechte Baupersönlichkeiten, zu denen man emotionale Beziehungen aufbauen konnte. Selbst eine so stark typisierende Architektur wie die des Mittelalters war in großem Maße individuell. Wer gotische Kathedralen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird - allen Vorstellungen über die quasi dogmatische Strenge ihres Stiles zum Trotz - feststellen, dass man es bei diesen architektonischen Wunderwerken jeweils mit außerordentlich prononcierten Baucharakteren zu tun hat. Zur Individualität gehörte „natürlich“, dass Bauten, sieht man einmal vom strengen Klassizismus ab, auch „unwesentliche“ Ecken und Kanten hatten und dass sie geschmückt waren. Gerade die Tatsache, dass sie geschmückt wurden, zeigt, dass diese Gebäude die Zuneigung ihrer Betrachter und Benutzer suchten.

In der Moderne sind Natur und Mensch als Maß der Architektur weitgehend verloren gegangen. Die Säule ist zur ungegliederten Stütze geworden. An die Stelle des ausgearbeiteten Korpus eines Gebäudes ist die bloße Wand oder die Repetition von Fassadenelementen getreten. Fenster und Türen sind mehr oder weniger nur noch Öffnungen der Wand. Auf einen Kopf oder eine Bedeckung desselben wird häufig verzichtet (nichts macht den Verlust des Individuellen deutlicher als die Entwertung des Kopfes als des Teiles eines Organismus´, der ihn am deutlichsten von anderen unterscheidet und damit individualisiert). Dass bei dieser Auffassung von Architektur das Ornament keinen mehr Platz hat, ist nur konsequent. Wie auf den oberen Stufen des Borobodur hat man es inzwischen als „unwesentlich“ aus dem Repertoire der Bau“kunst“ gestrichen (bezeichnenderweise lautete das Credo Mies van der Rohes, einem der Gurus der Moderne: „Höchste Wirkung schließt Dekoration aus“). Ein ähnliches Schicksal erlitt die Regionalität des Architektonischen, die so etwas wie die geographische Variante des Individuellen ist. An die Stelle ist ein Weltstil getreten, was dazu führte, dass auf allen Kontinenten tendenziell gleich gebaut wird. Dem Mangel an Individualität entspricht, dass man zu den abstrakten Gebilden, die auf diese Weise entstehen, nur schwer emotionale Beziehungen aufbauen kann. Wirklich lieben kann man eben nur Individuen und nicht abstrakte Personen oder Dinge an sich.

Der Verlust an konkreter „Menschlichkeit“, der in der Unterbewertung des Individuellen liegt, ist typisch für den Platonismus. Schon im Buddhismus ist der Aufstieg des Einzelnen in die höheren Sphären mit einer Aufgabe seines Selbst verbunden. Das Nirwana ist - wie im Borobodur auf so unvergleichliche Weise in Stein ausgedrückt - das Aufgehen des Einzelnen in der Allseele. In ähnlicher Weise ist auch bei Platon das lebensvolle Individuum mit seinem Werden, Aufblühen und Vergehen und damit das Persönliche von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung. Den Satz “Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ etwa konnte Platon nicht akzeptieren. Dieses Motto, das wir heute als einen wesentlichen Bestandteil des humanistischen Erbes der Antike ansehen, ist paradoxerweise zwar durch Platon überliefert. Es findet sich bei ihm jedoch nur, weil er es in seinem Dialog „Protagoras“ als falsche Meinung des Sophisten dieses Namens zitiert. Dem entspricht, dass Platon auch in seiner Staatsphilosophie mehr Gewicht auf allgemeine Prinzipien als auf die Betonung der Rechte des Individuums legte, weswegen er zu einer nicht-demokratischen - um nicht zu sagen autoritären - Staatsauffassung kommt.

Bestätigt wird die Annahme, dass wir es beim Hauptstrom der modernen Architektur mit einer Spielart des Platonismus zu tun haben, durch den Umstand, dass auch hier, wenngleich etwas versteckt, das Erlösungsmotiv auftaucht. So wie die Absorption des Platonismus in das Christentum durch die Kirchenväter zur Trennung von Diesseits und Jenseits sowie von Leib und Seele führte, was zu einer tendenziellen Abwertung des individuellen (irdischen) Lebens einschließlich des Körpers als seines angeblich dürftigen Trägers und zu einer Vertröstung auf eine bessere spätere Existenz in einem idealen Großen Ganzen (etwa im Paradies) führte, werden wir auch durch die moderne Architektur auf eine angeblich höhere Wirklichkeit verwiesen. Das Gefühl der Leere und der Unwirtlichkeit, das einen bei der Begegnung mit modernen Gebäuden, Plätzen und Stadtvierteln so häufig erfaßt, wird hier durch die Verheißung kompensiert, dass man am Zeitgeist teilhabe. Dieser „Geist“ aber ist ein sprunghafter und schnelllebiger Abkömmling des Weltgeistes, von dem uns die idealistische Philosophie einschließlich ihrer politischen Varianten immer schon viel Erhebendes versprach. Er ist damit nichts anderes als eine Spielart des Erlösungsgedankens. Denn dem, der des Welt-Zeit-Geistes teilhaftig wird, wird versprochen, durch das Wissen um die Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart an der Erkenntnis der Zukunft zu partizipieren. Damit aber wird nicht weniger als die teilweise Erlösung von der Last der Schicksalsungewissheit in Aussicht gestellt, ein Mittel der Wirklichkeitsreduktion, mit dem sich der Mensch in den unterschiedlichsten Varianten schon immer getröstet hat. Einer derartigen Erkenntnis- und Erlösungsgewissheit entspricht denn auch die Tendenz zur Ausschließlichkeit in der modernen Architektur, die alle Attribute des Missionarischen hat. In der Verengung des Blicks, die daraus resultiert, dürfte auch der Grund dafür liegen, dass man das abstrakte Bauen wegen seiner egalitären Effekte trotz seiner humanen Leere für demokratisch halten konnte.

Damit schließt sich der Kreis. Sieht man alles zusammen - Abwertung des Individuellen, Vertröstung auf Erlösung durch Teilhabe an einer höheren Wirklichkeit und Missionseifer - dann zeigt sich, dass der Grundgedanke des Hauptstromes der modernen Architektur theologischer „Natur“ ist. Womit wir wieder beim Borobodur wären.

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Zwischen Lido di Classe und Lido di Dante

Februar 19, 2008 · 1 Kommentar

 

Südlich von Ravenna, Dante’s einstigem Asyl, beginnt eine Reihe von Strandorten, die sich, kaum unterbrochen, über Milano Marittima und Rimini bis hinunter nach Cattolica zieht. In der Regel besteht der Kern dieser Marinas aus lieblos gebauten Hotelkomplexen längs einer Hauptstraße, welche der Küste folgt. Zahlreiche Querstraßen, nicht selten nur als solche benannt und durchnummeriert, führen auf der seeabgewandten Seite in Bungalow- und Reihenhaussiedlungen, in denen sich die Gebäude gleichen wie ein Ei dem anderen. In den Gärten sieht man vereinzelt Personen, die säuberlich Hecken schneiden oder Wege kehren. Auf der Seeseite führen die Traversalen zum flachen Strand, der durch eine unabsehbare Reihe von Bagnos in etwa gleich große Abschnitte geteilt wird. So weit das Auge reicht, ziehen sich Sonnenschirme und Strandliegen, farblich jeweils einem Bagno zugeordnet, in Reih und Glied den Strand entlang. Darauf und darunter liegen unzählige schlafende, schwätzende oder lesende Menschen, die ihr Heil in der Sonne suchen. In der Hauptstraße reiht sich ein Ladengeschäft an das andere. Die Verkaufsräume enthalten alles, was sich der Mensch an Nützlichem und Überflüssigem wünschen kann. Aufgeblasene bunte Schwimmutensilien aus Plastik quellen allenthalben bis auf die Straße hinaus. Abends flaniert hier gebräuntes Volk, füllt Gelaterias und Pizzerias, stellt sich und alles, aber auch alles, was es hat, zur Schau, schwatzt und schwänzelt und vertreibt sich die Zeit auf jede nur denkbare Weise. In den Spielsalons trifft sich die Jugend Europas. Gebannt sitzt man vor langen Reihen zappelnder Bildschirme. Apparate krachen und zischen, Kugeln rasen, elektronische Aggregate blitzen und listen erzielte Punkte auf. Man wähnt sich am Steuer rasender Rennwagen, im Cockpit von Flugzeugen und Raumschiffen, man schießt, kämpft und jagt - pausenlos, sich und andere.

 

Nördlich von Lido di Classe aber klafft eine große Lücke in der Reihe der Marinas. Bagnos und Strandschirme brechen plötzlich ab. Der flache, saubere Strand, den die Besucher der Bagnos vermutlich für naturgegeben halten, geht über in eine hügelige Dünenlandschaft, deren Wassersaum von Muscheln übersät ist. Dahinter erstreckt sich ein tiefer, dunkler Pinienwald. Hier herrscht eine Ruhe, die fast unwirklich erscheint.

 

Aus dem Hinterland ist dieser tote Winkel schwer zu erreichen. Die große Strasse, welche die Adriaküste sonst kaum verlässt, ist hier um mehrere Kilometer landeinwärts verschoben. Es gibt auch keine Stichstraße, die den Wald mit seinen uralten Pinien durchdringen und zum Meer führen würde. So kann man diesen Küstenstrich nur durch einen längeren Fußmarsch oder mit dem Fahrrad erreichen. Je weiter man sich von Lido di Classe entfernt, desto weniger werden denn auch die Sonnenanbeter. Schließlich finden sich in den Dünen nur noch hier und dort vereinzelte Menschen, die offensichtlich Einsamkeit suchen. Jeder Neuankömmling wird kritisch beäugt.

 

Auf halbem Weg zwischen Lido di Classe und Lido di Dante, der nächsten Sommermarina, wird der Strandweg durch einen Fluss unterbrochen. Bevor sich der Fluss mäandernd in das Meer wälzt, bildet er hinter den Dünen noch einige stille Gewässer, schilfumsäumte kleine Seen und Sümpfe, in denen sich allerhand Wasservögel tummeln. Im seinem trüben, langsam dahinziehenden Wasser schwimmen im Gruppenzickzack unzählige kleine Fische umher. Ein Schiffer senkt von einem Kahn ein flaches Netz in Tiefe, in dem die silbrigen Flitzer kurz darauf, aus ihrem Element gezogen, verzweifelt zappeln und in die Höhe springen.

 

Eine Brücke über den Fluss gibt es nicht. Wer dem Strand weiter folgen will, muss den Fluss durchwaten. Eine geeignete Stelle ist mit krummen Ästen gekennzeichnet. Am anderen Ufer gelangt man in eine Marina anderer Art. Verstreut in Gärten, in denen Wein, Tomaten und Pfirsiche wachsen, stehen auf dem Flussufer kleine ebenerdige, meist hölzerne Häuschen einfachsten Zuschnitts. Man sitzt unter Bäumen und unterhält sich. Eine Hauptstraße oder Geschäfte gibt es nicht.

 

Auf den Veranden der Hütten liegen Schlafsäcke und allerlei Gegenstände von Menschen, die lange unterwegs sind. Über einem Holzfeuer hängt an einer Kette ein Kochtopf. Auf dem Boden liegen um ihn herum junge Leute, die wilde Bärte tragen und tätowiert sind. In einem Pinienwäldchen sitzt in meditativer Haltung ein einsamer Heilsuchender. Nicht weit davon bilden Hunde und Menschen ein kaum zu entwirrendes Knäuel. Dazwischen spielen schmutzige Kinder. Eine Gruppe junger Männer kauert in einem Kreis. Einige schlagen Handtrommeln, die anderen lauschen andächtig, so als enthielten die endlos wiederkehrenden Rhythmen eine höhere Erkenntnis.

 

Nach dieser Siedlung sieht man nur noch wenige Menschen. Einige unbekleidete Männer stehen, die Hände in die Hüften gestützt, aufrecht in den Dünen und halten Ausschau. Einzelne streifen alleine durch den Pinienwald hinter dem Strand. Immer wieder bleiben sie stehen und blicken um sich.

 

Schließlich gelangt man nach Lido di Dante, wo wieder die Bagnos und das übliche Strandleben beginnen.

 

Es ist eine merkwürdiger Landstrich zwischen Lido di Dante und Lido di Classe. Früher war hier der Hafen von Classe, Standort der römischen Flotte, welche die Macht und die Herrlichkeit der einstigen Weltherrscher in der Osthälfte ihres Riesenreiches sicherte. Er ist versandet und von seiner früheren Größe ist nichts übriggeblieben. Ein Stück landeinwärts steht einsam das uralte Gotteshaus San Apollinare in Classe. Seinen weiten Innenraum bilden zwei würdige Reihen antiker Säulen, die so mächtig sind wie die Pinienstämme im nahen Wald. Auf der Stirnwand zeigt ein großes Mosaik den frühchristlichen Märtyrer auf einer paradiesischen Wiese inmitten friedlich grasender Schafe. Nicht weit davon ist heute der Vergnügungspark Mirabilandia. Dort stürzen sich die Bewohner der Marinas in die Abgründe einer kompliziert verschlungenen Berg- und Talbahn, fahren in wilder Wasserfahrt in die Tiefe und lassen sich in Kanzeln und Gondeln umherwirbeln. Abends starren sie bei rechnergesteuerter Musik gebannt in die geradlinigen Raumgebilde von Laserstrahlen. Schließlich kehren sie, geblendet durch ein turbulentes Feuerwerk, in ihre Marinas zurück.

 

Es ist ein Landstrich zwischen Lido di Dante und Lido di Classe, dessen Linien wundersam verwunden sind, ein Ort, an dem man sich sucht und sich verlieren kann. Hier verirrte sich einst auch einer der größten Gott- und Selbstsucher. Im dichten Wald von Classe stieß Dante auf eine Pforte mit der Aufschrift, wonach der, der sie durchschreite, alle Hoffnung fahren lassen soll. Er trat ein, durchmaß die neun Kreise der Hölle und fand nach Überwindung des Läuterungsberges sein Paradies.

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Der Palazzo dei Diamanti in Ferrara

Februar 13, 2008 · Keine Kommentare

Wer dem Corso Ercole I. d’Este in Ferrara folgt, der vom mittelalterlichen Kastell der Herzöge schnurgerade aus dem verschlungenen Zentrum der Stadt führt, glaubt sich gelegentlich in eine jener Idealstädte der Renaissance versetzt, wie sie auf den perspektivischen Intarsienbildern im Chorgestühl mancher italienischer Kirchen zu sehen sind. Auf beiden Seiten der Straße befinden sich lang gestreckte Patrizierpaläste. Straße und Gebäudefronten bilden Fluchtlinien, die in eine endlose Tiefe zu führen scheinen. Ordnung und Klarheit beherrschen das Bild. 

Auf halber Stecke des Corsos, der aber dennoch zu nichts anderem zu führen scheint, liegt der Palazzo dei Diamanti. Schon durch seine weiße Fassade, über die sich ein leicht hell-roter Schimmer von Cipollinoadern zieht, fällt er aus dem Rahmen der Umgebung, die von Terracotta oder jenem braun-roten Backstein geprägt ist, mit dem in der Po-Ebene mangels Naturstein sonst meist gebaut wird. Darüber hinaus besteht seine Außenhaut - auch dies ist weit und breit ohne Beispiel - aus Tausenden von pyramidenförmigen Marmorquadern, die wie überdimensionale Edelsteine aussehen. Diese haben ihm den Namen “Palazzo dei Diamanti” eingebracht. 

Das Gebäude wirkt, da es rechtwinklig über Eck gebaut ist, auch als Ganzes wie ein großer Kristall. Von der Ecke aus erblickt man zwei fast identische Fassadenflächen, die ohne wesentliche Untergliederungen jeweils rund sechzig Meter in die beiden Straßen hineinlaufen. Das Bauwerk liegt - schwer wie ein Eckstein, auf den es ankommt - auf der Kreuzung zweier großer Straßen. Wie jemand, auf den es ankommt, ist sich vermutlich auch der Bauherr Sigismondo d’Este, der Bruder von Herzog Ercole I, nach dem der Corso benannt ist, bei der Entscheidung vorgekommen, das Gebäude aufzuführen. Das Bewusstsein seiner Größe ist durch den fertigen Bau wohl noch verstärkt worden. Wahrscheinlich hat er im Laufe der Zeit immer mehr daran geglaubt, die Riesengeschosse des Palastes ausfüllen zu können, die für die Helden gebaut zu sein scheinen, deren Namen er und sein Bruder trugen. 

Der Habitus des Gebäudes vermittelt freilich den Eindruck, als haben seine Bewohner mit der Stadt und ihren Menschen nicht viel zu tun haben wollen. Die Öffnungen nach außen sind spärlich. Das gewaltige Eingangstor signalisiert schon durch die schiere Masse seiner Portalflügel eher Ausschluss als Einlass. Die Sechzig -Meter Fassaden, die jeweils nur sieben Fenster pro Stock aufweisen, wirken geschlossen. Dort, wo sie aufeinander stoßen, ist, ferraresischer Sitte entsprechend, zwar ein Balkon angebracht. Er ist jedoch so klein, dass er sich selbst dementiert. Schon die Größe der Pforte, die von Innen auf den Balkon führt, steht in keinem Verhältnis zu den Dimensionen der Gebäudeöffnungen, welche die Palastbewohner für sich ansonsten für angemessen hielten. Offensichtlich hatte man nie die Absicht, sich dort dem gemeinen Volke auszusetzen. Auch der spärliche Bauschmuck deutet an, dass die Palastbewohner nicht all zu viel nach außen kehren wollten. Neben dem dünnen Ornamentband, welches die beiden Geschosse trennt, finden sich außen nur vier verzierte Pilaster. Zwei von ihnen flankieren das Portal, die anderen beiden bilden den Eckpfeiler an der Schnittstelle der beiden Fassaden. An diesen wenigen Stellen freilich zeigt der Hausherr, wie hoch seine Ansprüche sind. Die Pilaster sind mit feinsten Renaissance-Reliefs geschmückt. Am Portal wird dabei (Ab-) Wehrhaftigkeit demonstriert. Dort sind im wesentlichen Teile römischer Rüstungen aufeinander gestapelt. Was die Bewohner des Hauses sonst noch umtrieb, verraten die Pfeiler an der Palastecke. Auf einem der Reliefs sieht man geflügelte Halbpferde und Faune, die spiegelbildlich um eine Mittelachse aus Kandelaberelementen angebracht sind. In sinniger Fortführung dieser Symmetrie sind weiter oben Herkules und Venus abgebildet. Am Fuß des Pilasters sitzen drei missmutig dreinschauende Harpyien, denen, die vertikale Spiegelsymmetrie in die Horizontale wendend, oben drei nackte Menschen gegenübergestellt sind, welche offenbar den Genüssen des Leben zusprechen. Man mag darüber nachsinnen, ob diese Dreiergruppen Pole einer Lebensphilosophie oder Wünsche und Befürchtungen darstellen. Gemessen an den riesigen Fassadenflächen sind diese Anklänge von Menschlichkeit freilich verschwindend. Vorherrschend ist eine kristalline Ordnung. Als Ganzes betrachtet hat der Palast daher etwas Abweisendes. Seine Massigkeit wirkt geradezu apologetisch. Es scheint, dass sich der Hausherr verteidigen will. Bei näherer Betrachtung wirkt die diamantene Fassade denn auch stachelig. Es ist, als habe sich dahinter jemand eingeigelt.  

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First Price - Last Price - Balinesische Geschäfte

Februar 4, 2008 · Keine Kommentare

Der Käufer einer Ware oder einer Leistung sieht sich immer wieder mit der schwierigen Frage konfrontiert, ob feste Preise ein zivilisatorischer Fortschritt oder der Ausdruck der übermächtigen Position des Verkäufers sind. Schwierig ist die Frage, weil man einerseits froh darüber ist, bei einem Erwerbsvorgang nicht immer das komplizierte Spiel der Bildung des Preises aus Angebot und Nachfrage durchexerzieren zu müssen. Es ist ohne Zweifel komfortabel, wenn man sich nicht bei jedem Geschäft umständliche Gedanken darüber zu machen braucht, was die Sache oder die Leistung, die man benötigt oder auf die man ein begehrliches Auge geworfen hat, “wirklich” wert ist. Andererseits wird man bei der Konfrontation mit festen Preisen aber auch das Gefühl nicht los, dass man als Marktteilnehmer nicht recht ernst genommen wird. Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass der Einzelne bei der Bildung des Preises gerade in den Marktwirtschaften, die man gemeinhin als entwickelt bezeichnet, eine so untergeordnete Rolle spielt. Denn wenn sich in dieser Form des Wirtschaftens der Fortschritt manifestieren sollte, dann würde er darin bestehen, dass man als Käufer zum Befehlsempfänger des Verkäufers geworden ist. Mit einer gewissen Wehmut erinnert man sich daher der tragenden Rolle, welche man beim Ringen um den Preis in weniger entwickelten Wirtschaftsystemen spielen darf - zum Beispiel in Bali:

Als ich Mitte der 70-er Jahre erstmals das zauberhafte Tropeneiland am Rande des südchinesischen Meeres besuchte, entschloss ich mich, als erstes eine Fahrt quer durch die Insel in den Norden zum Vulkan Mount Batur zu unternehmen, in dessen riesigen Krater man, wie ich gehört hatte, mit dem Auto fahren konnte, um unten in einem See in warmen Quellen zu baden. An einer geführten Tour im klimatisierten Jeep, die für harte Dollars an jeder Ecke des Touristenzentrums Kuta Beach angeboten wurde, hatte ich kein Interesse. Ich wollte auf eigene Faust durch die Insel fahren. Schließlich, so sagte ich mir, konnte man nur so in wirklichen Kontakt zum Inselvolk treten, dessen Liebenswürdigkeit, Sanftheit und Tiefsinnigkeit allenthalben gerühmt wird. Ich fragte mich daher zur Abfahrtstelle der Bemos durch, den Minibussen meist japanischer Provenienz, mit denen die Einheimischen ihre Transporte durchführen. In den kleinen Fahrzeugen, die für acht bis zehn Personen gedacht sind, werden in Bali bis zu dreißig Personen befördert, was sicher damit zusammenhängt, dass die Balinesen klein und zierlich sind, möglicherweise aber auch mit dem Fehlen fester Vorgaben oder einer sehr flexiblen Handhabung derselben. Als Europäer ist man in einem Bemo eigentlich schon deswegen deplaziert, weil man unverhältnismäßig viel Platz einnimmt. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund dafür, dass man meist einen höheren Fahrpreis als die Einheimischen entrichten muss.

Ich stieg also am Hauptplatz von Kuta in einen der Minibusse, der mich die kurze Strecke zum Stadtrand von Denpasar, der Hauptstadt Balis, brachte. Hier erfuhr ich, dass ich mit einer Motoradrickshaw zum anderen Ende der Stadt fahren müsse, von wo aus die Bemos in den Norden der Insel abführen. Ich war nicht der einzige, der mit der Motoradrickshaw durch Denpasar wollte. Die heulenden Dreiräder stauten sich in den engen Strassen der wenig ansehnlichen Stadt und der bläuliche Dunst, den die Zweitaktmotoren ungehindert ausstießen, verdichtete sich zu Wolken, aus denen Atemluft zu beziehen, kaum zu vermeiden war. Auf der anderen Seite der Stadt standen ein paar Bemos, von denen allerdings keines Anstalten zur Abfahrt machte. Ich wartete schweißverklebt in der Hitze und überlegte, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, mit einem klimatisierten Jeep zu fahren. Aber ich sagte mir, dass ich ja das wirkliche Leben des Volkes kennen lernen wollte. Kurz darauf hieß es einsteigen. Ich kletterte durch die Hintertür des Kleinbusses - Bemos betritt man durch die Hintertür - und nahm auf einer der beiden längs gestellten Sitzbänke Platz.

Die Fahrt ging außerordentlich langsam voran. Das Bemo hielt an jeder Ecke, um Leute ein- und aussteigen zu lassen. Nach einiger Zeit waren die Sitzbänke mit jeweils acht oder neun Personen voll besetzt. Der Raum zwischen den Bänken war mit allerhand Gepäck gefüllt - Säcken mit Getreide und geflochtenen Körben mit Gemüse aber auch lebendem Federvieh. Das hinderte aber nicht, dass immer wieder neue Passagiere hinzukamen. Diese mussten sich irgendwie zwischen dem Gepäck platzieren. Als dann ein kräftiger Tropenregen niederging, fand man auch noch Platz für einen wasserscheuen Motorradfahrer samt seinem Fahrgerät. Der kleine Bus war so nun so voll, dass der Schaffner nicht mehr von vorne nach hinten durchsteigen konnte, um den Fahrpreis von den Neueinsteigern zu kassieren. Er kletterte vielmehr - während der Fahrt - aus dem vorderen Seitenfenster auf das Dach und kam durch die Hintertür wieder herein. Ich selbst befand mich kurzbehost mitten im Fahrzeug, um mich herum lauter kleine Balinesen in den traditionellen bodenlangen Lunghis, die mich etwas verwundert aber freundlich ansahen. Mein Wunsch, Kontakt zum Volk zu bekommen, war ohne Zweifel schon jetzt weitgehend in Erfüllung gegangen. (more…)

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Milonga - Argentinische Variationen

Februar 1, 2008 · Keine Kommentare

Was eine Milonga ist, erfuhren wir von Cristina. Wir lernten Cristina an einem heißen Sommertag in einem der Restaurants kennen, die sich um die prachtvolle gusseiserne Markthalle aus dem 19. Jahrhundert in der heruntergekommenen Altstadt von Montevideo angesiedelt haben. Sie saß am Nachbartisch und machte uns in gutem Englisch darauf aufmerksam, dass wir als Folge unserer begrenzten Kenntnisse der spanischen Sprache gerade eine in vollendeter Höflichkeit vorgetragene Einladung des Kellners zu einem kostenlosen Glas Wein abgelehnt hatten. Cristina schien irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt zu sein. Sie hatte schwarze Haare, war klein und zierlich und sah ganz so aus, wie man sich eine Argentinierin vorstellt (obwohl beileibe nicht alle Argentinierinnen so aussehen). Sie hatte die Figur einer Fünfzehnjährigen und trug entsprechend kurze, abgeschnittene Jeans. Mit ihr am Tisch saßen zwei ältere Herren, die sich sehr ernst über Politik unterhielten.  

Im Laufe des Essens kamen wir mit Cristina ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie aus Buenos Aires war, wo wir gerade herkamen, und Urlaub im uruguayischen Nobelbadeort Punta del Este gemacht hatte, der uns, weil jeder davon schwärmte, als nächstes Reiseziel vorschwebte. Wie alle Argentinier wollte Cristina wissen, wie wir ihr Land und insbesondere wie wir Buenos Aires fanden. Und wie die meisten Argentinier gab sie uns bereitwilligst Hinweise darauf, was wir in ihrem Land unbedingt sehen oder erleben sollten. Dabei kamen wir, wie nicht anders zu erwarten, auch auf den Tango zu sprechen. Bei diesem Thema wurde Cristina noch lebhafter und offener als sie es ohnehin schon war. Tango, so begründete sie ihre Begeisterung, sei schließlich das einzige, was die Argentinier wirklich ganz ihr Eigen nennen können. Sie fragte uns auch, ob wir in Buenos Aires schon Tango gesehen hätten. Wir nannten Veranstaltungen, wie sie im wesentlichen den Touristen angeboten werden - unter anderem hatten wir ein Tango-Musical mit dem Namen “Passiones Argentinas” in einem schönen alten Theater und eine Tango-Vorführung in einem Nebenzimmer des prachtvoll-altmodischen Café Tortoni besucht. Beide waren voller Kraft und Temperament, aber reichlich laut und mit Tanzeinlagen garniert, bei denen man sich gelegentlich fragte, wie es den Tänzern gelang, eine Verknotung ihrer Glieder zu vermeiden. Cristina meinte, das sei nicht der richtige Tango. Tango müsse man bei einer Milonga erleben. Dort träfen sich die Portenios, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, um ganz ohne Show nur für sich den klassischen Tango zu tanzen.  

Einmal beim Thema Milonga angelangt, war Cristina kaum mehr zu bremsen. Mit allen Mitteln versuchte sie uns davon zu überzeugen, dass wir eine Milonga besuchen müssten. Gerade jetzt lohne sich dies, da dort zur Zeit in einer Art Wettbewerb die besten Tänzer der Stadt ermittelt würden. Für einen Fremden sei es allerdings nicht ganz einfach, diese Veranstaltungen zu finden, da sie jeden Abend an einem anderen Ort stattfänden. Wortreich versuchte sie uns zu klar zu machen, wo wir die nötigen Informationen zur Ermittlung der Lokalitäten erhalten könnten. Schließlich lief sie zu ihren Auto und holte daraus eine Zeitschrift mit dem Namen “Tango”, in der die Termine für die Milongas der kommenden Woche veröffentlicht waren. Sie strich die Veranstaltungen für den Tag, an dem wir wegen eines Fluges wieder in der Stadt sein mussten, an, und trug den Ort der Handlung unter zahlreichen Erläuterungen in unsere Stadtkarte ein. Am besten sei die Milonga im „Salon Canning“, wo es einfach zauberhaft sei. Die Veranstaltung beginne gegen elf Uhr abends. Wenn wir nicht wesentlich früher kämen, müssten wir einen Tisch reservieren. 

Als wir uns von Cristina verabschiedeten, meinte sie, wir würden uns, wenn wir in den Salon Canning gingen, dort wahrscheinlich wiedersehen. Sie gehe zwei bis drei Mal in der Woche zu einer Milonga. Dann gab sie uns, für den Fall, dass wir noch Fragen hätten, ihre Visitenkarte. Darauf war als Berufsbezeichnung “Directora” angeben. Auf unsere Frage, was dies bedeute, sagte sie beiläufig, sie sei Besitzerin einer Radiostation. 

Drei Tage später waren wir wieder in Buenos Aires. Wir hatten den Plan einer Fahrt nach Punta del Este aufgegeben, nicht zuletzt weil der Ort nach der Schilderung Cristinas auch nicht viel anders sein sollte, als die bekannten Badeorte am Mittelmeer. Stattdessen hatten wir das ehemals portugiesische Städtchen Colonia am uruguayischen Ufer des Rio de la Plata besucht. In einer der malerischen Gassen der alten Schmugglerstadt sprach uns ein Mann aus Buenos Aires in der leutseligen Art der Argentinier an und fragte wieder einmal danach, wie wir sein Land fänden. Als wir zum Thema Tango kamen, meinte er, er möge diese Musik nicht besonders, sie sei ihm zu pessimistisch: einmal verliere jemand seine Geliebte, ein anderes Mal finde er keine, dann wieder sterbe einer Mutter das Kind weg und wenn dies nicht der Fall sei, sterbe gewiss die Mutter und hinterlasse ein Kind - es gebe einfach zu viele Schicksalsschläge. Dagegen lobe er die Brasilianer, die ihren Samba hätten, bei dem es immer fröhlich zugehe. Was der Mann sagte, stand ganz im Gegensatz zu dem, was wir von einem Anwalt aus Cordoba gehört hatten, den wir im Café Tortoni kennen gelernt hatten. Nachdem dieser das übliche Klagelied über die desolaten Verhältnisse der argentinischen Politik abgesungen hatte, geißelte er die mangelnde Ernsthaftigkeit seiner Landsleute und lobte die Brasilianer, weil bei ihnen nach vierzehn Tagen außerordentlich heftigen Karnevalsfeierns Schluss sei; in Argentinien hingegen sei das ganze Jahr über Karneval.  

Von Colonia waren wir nicht, wie die meisten Reisenden, auf dem direkten Weg quer über den Rio de la Plata nach Argentinien zurückgekehrt. Vielmehr hatten wir uns der (Tango)Metropole in einem großen Bogen nach Nordwesten durch die weitläufige Inselwelt genähert, in der sich die riesigen Flüsse “Uruguay” und “Paraná” auflösen, bevor sie den gewaltigen Süsswassermeerbusen des Rio de la Plata bilden. Wir hatten den letzten Tag, an dem das Thermometer auf 37 Grad und das Hygrometer auf 100 Prozent stieg, im Delta des Paraná vor den Toren von Buenos Aires verbracht, an dessen weitverzweigten Kanälen die Sommerhäuser der wohlhabenderen Portenios inmitten von prachtvollen Gärten, hier und da allerdings auch gewaltige Schrotthaufen von abgewrackten Schiffen liegen. Dort schippert man mit dem Boot zu wunderbar gelegenen Gartenrestaurants, aus denen immer laute Musik schallt, oder trifft sich in den riesigen Yacht- und Ruderclubs, die im Stile venezianischer Paläste oder englischer Landhäuser gebaut sind.  

Abends fuhren wir mit dem eleganten Küstenzug durch die Villenvororte der Stadt mit ihren wohlgepflegten, stilvollen kleinen Bahnhöfen. In Maipu wechselten wir in die wesentlich gewöhnlichere Vortortbahn, die durch endlose Hochhausviertel mit weniger stilvollen Haltestellen und entlang von Bahndammslums zum gigantischen Bahnhof von Retiro fuhr, der wiederum wie das Rathaus einer größeren französischen Stadt aussieht. Als wir in die glühende Altstadt kamen, zogen erste Gewitterwolken auf. Auf der „Avenida Florida”, der Einkaufsmeile der Stadt, tanzte vor der neobarocken Shoppingtherme des „Pacific“ ein Mann im dunklen Anzug mit einer spärlich bekleideten jungen Dame zum Vergnügen zahlreicher Passanten einen lasziven Tango, bis ein Regenschauer die Menge vertrieb. Tango dröhnte hier auch aus verschiedenen CD-Läden.  

Gegen acht Uhr speisten wir- offenbar viel zu früh, denn wir waren die einzigen Gäste - in einem großen Restaurant der Altstadt mit dem Namen “Los Immortales”, der außen zwanzig Meter hoch in senkrechten Lettern an der Fassade des Gebäudes angebracht war. Innen waren die Wände mit Fotos von den „unsterblichen“ Tangogrößen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschmückt, gut aussehende Männer mit glatt gekämmten Haaren in mittleren Jahren, allen voran der ewig jugendliche Carlos Gardel, der, aus einfachsten - übrigens französischen - Verhältnissen kommend mit dem Tango Weltruhm erlangte. Er wurde durch seinen frühen Unglückstod im Jahre 1935 ähnlich unsterblich wie Argentiniens gute Fee Eva Peron, die Wohltäterin der Armen, die in noch jüngeren Jahren verstarb. Im Hotel zogen wir unsere verknitterten Ausgehkleider aus dem Rucksack und bestellten um zehn Uhr ein Taxi. Der Taxifahrer war erstaunt, als wir den “Salon Canning” im gutbürgerlichen Stadtteil Palermo als Fahrziel nannten. Fremde, meinte er, würden kaum jemals dorthin hingefahren werden wollen.  

Während der Fahrt durch die lebhaften Avenuen der Stadt benannte uns der Taxifahrer in einer holprigen Mischung aus Spanisch und Englisch die großen Gebäude, an denen wir vorbeikamen. Aus den eher feierlich-strengen, meist neobarocken oder neoklassizistischen Prachtbauten französischer Prägung ragte wie ein Solitär das farbenreiche Gebäude der städtischen Wassersorgung heraus, das einen ganzen Straßenblock einnimmt. Die Elemente der europäischen (Bau)Tradition sind hier so außerordentlich dicht und in immer neuen und überraschenden Variationen aufeinandergehäuft, dass man von einem architektonischen Tango sprechen könnte. Über einem Portal war die Jahreszahl 1887 eingemeißelt, was ungefähr dem Zeitpunkt entspricht, zu dem sich der Tango nicht zuletzt unter Geburtshilfe italienischer Einwanderer aus verschiedenen Vorgängertänzen entwickelte. Nach zwanzig Minuten hielt das Taxi vor einem nicht weiter auffälligen Haus. Wir glaubten zunächst, dass sich der Taxifahrer geirrt habe. Kein Mensch war zu sehen. Es war auch kein Salon zu erkennen. Wir befanden uns am Anfang eines langen schmucklosen Ganges. Vom anderen Ende war allerdings Tangomusik zu hören. 

Das Etablissement, in das wir am Ende des Ganges nach Zahlung eines Obolus von rund zwei Dollar traten, hatte nichts vom Stil der repräsentativen Großbauten von Buenos Aires oder gar des Cafés Tortoni mit seinen prachtvollen Säulen, verspielten Lampen und leuchtenden Buntglasdecken. Es ähnelte eher einer Schulturnhalle, die zum Schulfest hergerichtet worden war. Im Grunde war es nicht mehr als ein schmuckloses Rechteck von etwa 30 auf 30 Metern, in dessen Mitte sich ein Parkettboden befand, über dem ein paar Lautsprecher hingen. Um diesen Parkettboden herum waren zwei Reihen Tische mit nicht sonderlich bequemen Caféhausstühlen aufgestellt, die alle leer waren. Immerhin war der Raum klimatisiert, was angesichts der Schwüle, die nach dem außerordentlich heißen Tag noch überall in der Stadt hing, einigermaßen erfrischend war. An den Wänden hingen großformatige, ziemlich skurile Gemälde aus neuerer Zeit, auf denen Figuren in allerhand verbogenen Stellungen zu sehen waren. Auf einem Bild konnte man Gardel ausmachen. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass fast alle Tische reserviert waren. Wir bekamen - unmittelbar vor dem Platz, der für ein Orchester vorgesehen war - einen der wenigen Tische zugeteilt, die noch frei waren und harrten der Dinge. Diese waren einstweilen noch wenig aufregend.  

Auf dem Parkett betätigten sich ein bis zwei Dutzend Paare in mehr oder weniger alltäglicher Aufmachung bei Musik aus den Lautsprechern nach den Anweisungen einer Lehrerin. Sehr meisterlich sah das Ganze nicht aus. Für den Tangolaien hatte es allerdings den Vorteil, dass man die komplizierten Schrittfolgen des Tanzes in sezierter Form präsentiert bekam. Außerdem wurden die subtilen Schwierigkeiten gerade dadurch deutlich, dass Manches misslang. Allerdings fürchteten wir, unsere Zeit und unser Eintrittsgeld für eine bloße Tanzstunde bezahlt zu haben, an der wir schon mangels entsprechender Vorkenntnisse, die, wie sich aus einem Aushang ergab, bei den Teilnehmern vorausgesetzt wurden, nicht hätten teilnehmen können. 

Um elf Uhr allerdings verwandelte sich die Szene. Die Lehrstunde war beendet, weitere Gäste kamen und man fing an, ernsthaft zu tanzen. Und es sollte in der Tat ernsthaft werden. Nach Regeln, die wir einstweilen noch nicht durchschauten, trafen sich die Partner, um jeweils eine Anzahl von Tänzen zu bestreiten. Bevor es losging, lauschten die Paare, die Oberkörper aneinandergelehnt, schweigend eine paar Takte in die Musik hinein. Dann gab der Mann entschlossenen den Impuls zu den ersten Schritten, bei denen dann aber auch schon alles stimmte. In den Gesichtern der Tänzer spiegelte sich nun höchste Konzentration. Die Frauen schlossen die Augen und lehnten die Stirn an den Kopf des Mannes. Die Schritte beherrschten sie offensichtlich im Schlaf. Die Verantwortung für das Gelingen der Figuren und für die havariefreie Navigation über das Parkett lag allein beim Mann. Dementsprechend setzte dieser eine sehr ernste Miene auf. Gesprochen wurde während des Tanzes nicht. Allenfalls in den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Tänzen wechselte man ein paar Worte. Was die Damen von den Herren hielten, ließ sich allerdings, insbesondere soweit es sich um Zustimmung handelte, an ihrer sehr beredten Körpersprache ablesen. Eine Dame mittleren Alters mit großer blonder Mähne und frischem Urlaubsbraun war gar so beigeistert, dass sie während der ganzen Tanzrunde die Zähne fast bis zu den Ohren freilegte. 

Allen rhythmischen Raffinessen der Musik zum Trotz zelebrierten die Tänzer keine aufwendigen Figuren oder extreme Wendungen; höchstens dass die Dame einmal gemessen eine Kadenz ausdrehte und dabei die Beine anwinkelte oder sich stocksteif über das Parkett schleifen ließ. Die Musik war nicht annähernd so argentinisch passioniert und laut wie bei den Veranstaltungen, die wir zuvor besucht hatten. Sie hatte geradezu etwas Lässiges. Grosse Schicksalsschläge wurden offenbar nicht besungen. Der elegische Tonfall, den wir Europäer eher mit dem Tango verbinden, war allenfalls andeutungsweise zu hören. Die Tänze endeten meist urplötzlich, indem die Musik unvermittelt und ohne Schlusspunkt einfach zum Stillstand kam. Die Paare schien die nicht zu überraschen. Immer gelang ihnen ein vollkommen harmonisches Bremsmanöver. Nach einigen Tänzen tönte eine Art Sirene und es wurde eine Musik eingespielt, die völlig unpassend wirkte. Dann begab man sich getrennt an die Tische und hielt Ausschau nach einem Partner für die nächste Runde.

Die Damen betätigten dabei ihre Fächer und nippten an Sektgläsern. Die Herren tranken meist Wasser, das in Plastikflaschen serviert wurde, und blickten sehr aufmerksam in die Runde. Im Laufe der Zeit füllte sich der Raum und es kam mehr Bewegung in das gepflegte Treiben. Einige jugendliche Könner zeigten, dass man auch auf gemessene Weise spektakuläre Figuren hinlegen kann. Um Mitternacht waren alle Tische besetzt. Gegen ein Uhr war der “Salon” voll. Viele der Anwesenden, die aus allen Altersgruppen stammten, waren miteinander bekannt. Man begrüßte sich mit großem Hallo. Unter den Ankömmlingen waren einige, die offensichtlich sehr angesehen waren. Dazu gehörten insbesondere einige ältere Herren. Sie lösten mit einer Aufforderung zum Tanz auch bei jüngeren Damen so etwas wie Verzückung aus.  

Auf einmal war Cristina da. Wir hatten sie in ihrem schwarzen, hautengen Outfit zunächst gar nicht gesehen. Sie löste sich plötzlich von einem Tanzpartner und fiel uns um den Hals, als seien wir alte Bekannte. Mit argentinischem Überschwang drückte sie ganz ungebremst ihre Freude darüber aus, dass sie uns wiedersah. Dann wickelte sie noch den laufenden Tanz ab und ließ sich mit einer Freundin und einem Glas Sekt an unserem Tisch nieder. Von diesem Moment an bekamen unsere Beobachtungen Richtung und Sinn.  

Zunächst erfuhren wir von Cristina, dass eine Tanzrunde immer aus drei Blöcken zu je vier Tänzen zusammengesetzt ist. Davon enthält nur einer Tangos. Die beiden anderen Blöcke bestehen aus - meist schnellen - Walzern und aus Milongas, einem - ebenfalls schnellen - Tanz mit afrikanischen Wurzeln, welcher der Veranstaltung den Namen gibt. Erst nach dieser Erläuterung fiel uns auf, dass die Figuren dieser Tänze anders als die des eigentlichen Tango waren - was aber insbesondere beim Walzer nichts daran änderte, dass es aus unserer Sicht immer noch ziemlich lateinamerikanisch, um nicht zu sagen tangoartig wirkte.  

Erhellend war auch, was uns Cristina zum Problem der Kontrolle der erotischen Aspekte des Tanzes sagte, der ja als der erotischste aller Tänze gilt. Zu den eisernen Regeln einer Milongaveranstaltung gehöre, dass man an einem Abend nie mehr als drei Runden mit dem gleichen Partner tanze; ausgenommen davon seien nur Paare, die aber selten seien. Man gehe nicht mit seinem (Ehe)Partner zu einer Milonga, man suche aber auch keinen Partner für die Dauer. Auch der Körperkontakt sei streng begrenzt. Man berühre sich nur am Oberkörper, mit dem Mann im übrigen den Tanz steuere. Damit hatten wir die Erklärung für die merkwürdige Pyramidenform, welche die Tanzpaare bildeten.  

Für die menschlichen Probleme, die mit der Partnerwahl verbunden sein können, hat sich eine argentinisch-weiche Lösung herausgebildet. Da man den Beteiligten möglichst die Peinlichkeit der Erklärung oder des Empfangs einer Absage ersparen wolle, verständige man sich zunächst über Augenkontakt. Mangelndes Interesse werde durch Verweigerung des Augenkontaktes signalisiert. Jetzt wurde uns klar, warum in den Pausen ein allgemeines Beäugen begann. Gleichzeitig war an der Art, in der die Protagonisten um sich schauten, zu erkennen, wer im Salon etabliert war und wer zu den Aufsteigern gehörte. Einige ältere Herren - sie waren an einem strategisch günstig gelegenen Tisch versammelt - hatten es nicht nötig, lange umherzuschauen. Sie wussten offensichtlich, dass sie immer zum Zuge kamen. Cristina erläuterte uns, dass dies die Tangohelden der Stadt seien. Jede Frau würde gerne von Ihnen aufgefordert werden. Es handele es sich häufig um Männer aus einfachen Verhältnissen, die aber, weil sie die alte Tango-Kultur repräsentierten und beim Tanz absolut sicher führten, auch bei den Damen der Gesellschaft hohes Ansehen genössen. Cristina deutete insbesondere auf einen glatzköpfigen Mann in schwarzer Kluft, der weit über siebzig Jahre alt sein musste. Er sei einer der bekanntesten Tänzer der Stadt, tanze aber, zumal er sehr krank sei, nur noch sehr wenig. Mit einem Anflug von Bescheidung meinte sie, sie habe noch nie die Ehre gehabt, von ihm aufgefordert zu werden. Kurze Zeit später bemerkte ich, wie der Mann mit einer jener jugendlichen Könnerinnen tanzte, die mir dadurch aufgefallen war, dass sie besonders brilliante Figuren auf das Parkett zauberte. Jetzt führte der alte Herr das junge Fohlen in höchstem Maße versammelt durch das Gedränge. Als besonders gute Tänzerin bezeichnete uns Cristina eine nicht mehr ganz junge Frau, die ganz in rot gekleidet war; sie sei Tangolehrerin. Diese Dame drehte ihre Kreise im Zustand überirdischer Entspannung. Einmal in den Armen eines Mannes schien sie in Trance zu fallen. 

Unterdessen kam Cristina vor lauter Erläuterungen gar nicht dazu, sich in ausreichendem Maße an dem System des Signalisierens von Tanzbereitschaft zu beteiligen, das ein ständiges Beobachten der Lage erfordert. Wir mussten sie mehrfach auffordern, doch das tun, weswegen sie eigentlich hierher gekommen war. Auch ihre Freundin hatte schon bemerkt, dass die intensive Beschäftigung mit uns diesem Ziel zuwiderlief, weswegen sie unseren Tisch wieder verlassen hatte. Auf unsere Aufforderung schloss sich Cristina ihr an. Nach kurzer Zeit war sie aber wieder zurück und erklärte, sie habe gestern Abend schon von sieben bis ein Uhr getanzt, sie könne heute auch einmal Pause machen. So erfuhren wir noch einiges mehr über die Besonderheiten einer Milonga - und über Cristina.  

Zu unserem Erstaunen erzählte uns Cristina, dass die Anzahl der Milonga-Tänzer in der Riesenmetropole Buenos Aires nicht sonderlich groß sei. Es sei ein relativ geschlossener Kreis, in dem man immer wieder die gleichen Personen treffe. Auch das Spektrum der Musik, das Verwendung finde, sei begrenzt. Man pflege den lockeren Stil der klassischen Zeit des Tango, im wesentlichen die Musik der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als sich der Tango endgültig aus Schmuddelvororten wie San Telmo oder Boca, wo er entstanden war, gelöst und, ähnlich wie hundert Jahre zuvor der Wiener Walzer, in der „besseren“ Gesellschaft (des Zentrums von Buenos Aires) etabliert hatte. Mit dem Tango Nuevo eines Astor Piazolla etwa, den man in Europa so schätzt, habe das nicht viel zu tun, da man auf diesen nicht tanzen könne. Im allgemeinen gehe es bei den Milongas nicht sonderlich großartig zu. Die meisten Lokalitäten, in denen sie abgehalten würden, seien deutlich weniger komfortabel als der „Salon Canning“. Meist gebe es kein Tanzparkett und keine Klimatisierung. Mir kamen dabei zwei einstmals prachtvolle Hotels in der Nähe von Cordoba in den Sinn, die wir zwei Wochen zuvor gesehen hatten. In La Falda steht in einem verwilderten Park das monumentale Hotel „Edén“, das einen großen, säulengestützten Tanzsaal besitzt, der heute düster und feucht wir eine altrömische Zisterne ist. Der Riesenbau ist im Verfall begriffen; nur in einem Flügel betreibt man heute noch ein ziemlich rustikales Café. Schlechter noch steht es mit dem weitläufigen „Sierra-Hotel“ im Höhenkurort Alta Gracia, wo sich in den dreißiger und vierziger Jahren die reichlich vorhandene Geldaristokratie des Landes zum einem offenbar immerwährenden Tanzvergnügen traf (auch der spanische Komponist Manuel De Falla verbrachte hier seine letzten Lebensjahre). Zu denen, die hier täglich bis zum Morgengrauen tanzten, gehörten auch die Eltern von Che Guevara, der unweit des Hotels aufwuchs, wobei er vermutlich erstes Anschauungsmaterial für seine sozialrevolutionären Ansichten gewann. Das Etablissement, dessen gepflegte Heiterkeit man heute noch ahnen kann, ist völlig verwaist; seine Kolonnaden sind leer, der Park ist vernachlässigt und der riesige Tanzsaal, der in einem eigenen Pavillon untergebracht war, ist eine Ruine, auf deren Boden zerbrochen die Ornamente liegen, welche in den goldenen Zeiten Wände und Decke schmückten. 

Wir fragten natürlich nicht, wie eine Frau in Cristinas Alter dazu kommt, so häufig zu Milongas zu gehen. Cristina erzählte uns aber im Laufe des Abends einiges, was uns wie eine Erklärung für ihre Tanzleidenschaft vorkam. Sie berichtete, sie sei die Mutter von vier erwachsenen Kindern. Drei ihrer Kinder seien weit verstreut in der Welt. Ihr ältestes Kind, das bereits 32 Jahre alt sei, leide unter dem Down Syndrom und wohne - übrigens zu ihrer großen Freude - bei ihr. Mit einem Unterton von Selbstbehauptung sagte sie, dass sie vor drei Jahren - nach einer Ehe von fast drei Jahrzehnten - “aus dem ehelichen Haus gegangen” sei. Begeistert sprach sie von ihrer Radiostation, bei der es sich um einen privaten Sender für Palermo handele, einem Stadtteil, der größer sei als die meisten großen Städte in Europa und um einiges größer als die Stadt, von der er seinen Namen bezogen habe. Über ihre Station würden mehr als siebzig Programme jeglichen Inhaltes ausgestrahlt. Für das Konzept des Senders, der privaten Interessenten gegen Entgelt Sendezeit zur Verfügung stelle, habe sie vor wenigen Monaten in Barcelona den renommierten Ondas-Preis verliehen bekommen. Stolz sagte sie, seinerzeit sei ihr Bild in allen Zeitungen des spanischen Sprachraumes zu sehen gewesen. 

Zwischendurch wandte sich Cristina, da ihr das übliche Anbahnungsverfahren angesichts unserer Anwesenheit zu aufwendig war, einem einfach aussehenden Mann zu, der am Nachbartisch saß und der sich, sei es aus Mangel an Erfolg oder Desinteresse bisher wenig am Tanzgeschehen beteiligt hatte. Er ging sofort auf sie ein, übernahm auf dem Parkett alsbald die Führung und die beiden verschwanden in pyramidenförmiger Haltung im Gedränge. Hinterher erklärte uns Cristina, es sei ungewöhnlich, dass eine Frau den Mann zum Tanz auffordere. Darauf könne er nun stolz sein. Besonders stolz müsste er demnach darauf gewesen sein, dass er später noch für eine weitere Runde zum Zuge kam. 

Während unserer Unterhaltung, bei der wir nie vergaßen, die jeweils neuesten Paarungskonstellationen und deren tänzerische Leistungen zu begutachten, begann man unmittelbar hinter uns damit, ein Tangoorchester aufzubauen. Schon vor Mitternacht werkelten einige Herren in schwarzen Anzügen an Mikrofonen, elektrischen Leitungen und Notenständern. Gegen ein Uhr war alles aufgebaut und die Mitglieder des Orchesters, vier Geiger, ein Pianist, ein Baßgitarrist und zwei Bandoneonspieler, waren einsatzbereit auf ihren Plätzen. Aus Gründen, die wir nicht erkennen konnten, kamen sie jedoch vorläufig nicht zum Einsatz. Immer wieder starteten neue Zwölferrunden aus dem Lautsprecher. Die Musiker, die sich, da die Temperatur im Saale ständig anstieg, inzwischen ihrer schwarzen Jacken und Krawatten entledigt hatten, wurden ungeduldig. Einige hielten ihre Finger dadurch warm, dass sie einfach in die Musik aus der Konserve hineinfingerten. Hier und da spielten sie die laufende Musik auch mit. Auch wir wurden langsam unruhig, zumal wir am nächsten Morgen ziemlich früh zum Flughafen mussten. Da wir uns aber das Erlebnis eines größeren Tango-Orchesters am Ort der Entstehung der Gattung nicht entgehen lassen wollten, warteten wir weiter ab.  

Nach schier endlosen weiteren Tanzrunden wurde das Orchester mit einer kleinen Rede begrüßt und konnte loslegen. Es war inzwischen Viertel nach zwei Uhr. Die Herren in den weißen Hemden legten ein schwungvolles Anfangsstück auf und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Ohne große Pause ging es weiter mit dem nächsten Stück, auch dieses von großer Vitalität und Beweglichkeit. Und so folgte ein Tanz nach dem anderen. Im Mittelpunkt standen die beiden Bandoneonspieler, Herren um die sechzig Jahre alt, die sich lustvoll die Bälle zuwarfen. Sie beherrschten das Geschehen mal mit weitschwingenden Kantilenen, mal mit diffizilem Passagenwerk, dazwischen aber immer wieder mit unerbittlich präzisen Rhythmen und scharfen synkopischen Einwürfen, bei denen sie ihr Instrument leicht federnd oder kraftvoll auf die Knie schlugen. Die Geigen trugen fast nur rhythmisches Füllwerk und Unisono-Passagen bei, in denen mehr oder weniger das wiederholt wurde, was die Bandonieros schon vorgetragen hatten. Klavier und Bassgitarre unterstützten das Ganze mit Harmonietönen und gelegentlichen Solos. Das Spiel der zehn Herren wurde im Laufe der Zeit immer turbulenter. Sie steigerten sich in einen Rausch. Von der Sentimentalität oder Melancholie, die man dem Tango gerne nachsagt, war weder etwas zu sehen noch zu hören. Das Publikum, das nach der Musik offensichtlich bestens tanzen konnte, war begeistert und quittierte die Darbietungen des Orchesters mit immer lauteren Beifallskundgebungen.  

Eine gute halbe Stunde nachdem man begonnnen hatte, war dann aber schon wieder alles vorbei. Nach einem rasanten Finalstück packten die Herren ihre Instrumente ein. Die Milonga im „Salon Canning“ ging ihrem Ende zu. Cristina sagte, die wahren Enthusiasten, zu denen sie - heute - aber nicht gehöre, da sie am nächsten Morgen wieder in ihre Radiostation müsse, gingen nun an einen anderen Ort und tanzten weiter bis zum Frühstück. 

Auch wir brachen auf, kamen allerdings nicht weit. Draußen führte der argentinische Wettergott einen passionierten Tanz auf, als wolle er demonstrieren, dass er mit der Beendigung der Vorstellung nicht einverstanden sei. Die gewaltigen atmosphärischen Spannungen des Tages entluden sich in einem ebenso großen Gewitter. Durch die Straßenschluchten von Palermo zuckten die Blitze und krachten die Donnerschläge wie die synkopischen Einwürfe der Bandoneons im Salon. Der Regen schoss in solchen Mengen vom Himmel, dass es unmöglich war, zu einem Taxi am Straßenrand zu gelangen, ohne vollständig durchnässt zu werden. Vorläufig war ein Taxi allerdings auch nicht zu haben, da unter diesem Umständen unzählige nachtschwärmerische Portenios nach einem solchen Gefährt verlangten. Cristina versuchte mit ihrem Handy immer wieder vergeblich, die Taxizentrale zu erreichen.  

Gemeinsam mit den Herren vom Orchester, die sehr aufgeräumt parlierten, und zahlreichen Tänzern warteten wir in dem Gang, der zum Salon führte in der Hoffnung, dass die Kraft des Wettergottes nachlasse. Dieser hatte sich aber die Ausdauer der Tangotänzer zum Vorbild genommen und legte, kaum dass man den Eindruck einer Abschwächung seiner Vitalität gewonnen hatte, immer wieder nach. Von einem unvermittelten Stillstand oder einem harmonischen Bremsmanöver wollte er nichts wissen. Als sich nach einer Stunde - mittlerweile war es vier Uhr - die Chance auf einen Transport bot, ergriffen wir die Gelegenheit, wobei uns und unserer Ausgehkleidung eine Vollwäsche (mit anschließender Körpertrocknung) zu Teil wurde. Cristina ließ es sich, obwohl sie wesentlich empfindlicher gekleidet war, nicht nehmen, uns zum Taxi zu begleiten und beteuerte, als ob ihre Einladung zum Tango und die Kapriolen des Wettergottes in einem Zusammenhang stünden, immer wieder, wie leid es ihr tue, dass wir durch sie in solche Kalamitäten geraten seien.  

In den folgenden Tagen konnten wir fast eineinhalbtausend Kilometer weiter nördlich in tropischem Ambiente die Tänze erleben, welche die Wasser des Iguazu an der Grenze zu Brasilien aufführen, kurz bevor sie sich in den Paraná ergießen. Der breite Strom, der von den Zuflüssen vieler Landschaften lebt, bietet dort, wie der Tango, das seltene Phänomen der Teilung in tausend faszinierende Einzelerscheinungen. Er stürzt mal in wildem Strudel, mal in malerischen Kaskaden zu Tal, strömt hier wie ein breiter Rüschenvorhang an einer Wand herab, rieselt dort fein verästelt durch Hängepflanzen, schlängelt sich an wieder anderer Stelle in kleinen Nebenbächen davon und zerstäubt letztendlich in einer schwer zu bestimmenden Tiefe zu Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. So weit man schauen kann, ist lebhafteste Bewegung und glitzerndes Rauschen. Unten im Tal sammelt sich, was so vielfältig aufgelöst war, und bildet einen gewaltigen Strom, der wenig später ein Kraftwerk speist, das einstmals das größte der Welt war. Es gibt nur wenige Orte, an denen sich das fließende Element so unerschöpflich, so außerordentlich dicht und in immer neuen und überraschenden Variationen zeigt.

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Ein - ungeplanter - Tag in Bangladesch

Februar 1, 2008 · Keine Kommentare

Ein Besuch in Bangladesch ist vermutlich von fast allen Ausgangspunkten eine Reise mit der Zeitmaschine in eine andere Welt. Für den allerdings, der auf dem Weg von Bangkok nach Europa für nur einen Tag Station in Dhaka macht, ist es eine sozio-kulturelle Achterbahnfahrt, deren jähe Höhen- und Tiefenfahrten einem den Atem rauben können. 

Eigentlich begann mein Besuch in Bagladesch bereits mit der Zeitungslektüre in Bangkok. Die “Bangkok Post” hatte Ende Januar 1996 unter dem Titel “Still Alive” (Noch am Leben) einen Artikel über die Abenteuer veröffentlicht, welche man bei Benutzung der landeseigenen Fluggesellschaft Biman Bagladesch zu gewärtigen habe. Darin war von schlechtem Service, insbesondere von einem chaotischem Umgang mit Fahrplänen die Rede. Man müsse schon damit rechnen, einige Tage in Dhaka hängen zu bleiben, einer Stadt, die bei allen Verbesserungen, die sie in den letzten Jahren sicherlich erfahren habe, nicht unbedingt der Ort sei, wo man sich ohne Not aufhalten wolle. Der Artikel hatte eine Fülle von Leserbriefen ausgelöst. Sie ließen sich unter anderem mehr oder weniger hämisch über den Leichtsinn der Personen aus, die sich, wie ich, von den günstigen Preisen zur Wahl dieses Luftfahrtunternehmens verleiten ließen. Das Ganze gipfelte in der Feststellung, man müsse eben bereit sein, die Konsequenzen für seine Entscheidungen zu tragen.  

Als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Thailand kam, wurde in der Zeitung noch immer Biman Fan-Post abgedruckt. Mittlerweile war sie politisch geworden. Ein Briefschreiber nahm eine abfällige Bemerkung eines anderen Lesers über die britische Kolonialherrschaft, mit der die Probleme des Landes - und offenbar auch seiner Fluggesellschaft - verständlich gemacht werden sollten, zum Anlass, umfangreich darzulegen, dass es dem Land nie so gut, wie zur Zeit der englischen Herrschaft gegangen sei. Er betonte, dass alle seine wesentlichen Institutionen, darunter die gesamte Verkehrsinfrastruktur, von der Kolonialverwaltung geschaffen worden seien. Diese Strukturen seien inzwischen aber nicht weiter entwickelt, sondern nur abgenutzt worden. Statt sich um die Entwicklung des Landes zu kümmern, habe man sich in den letzten fünfundvierzig Jahren aus religiösen Gründen die Köpfe eingeschlagen. Dies habe es während der englischen Zeit nicht gegeben. Dem entsprechend sei in den fünfundzwanzig Jahren seit der Trennung von Pakistan das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 150 Dollar auf gerade mal 230 Dollar im Jahr angestiegen, womit das Land nur einfünfzigstel des Wertes von Singapur erziele, das ebenfalls britische Kolonie gewesen sei. 

Hinzu kamen Berichte über steigende Spannungen. Entsprechend einem Muster, das in Asien typisch zu werden beginnt, kämpften die weiblichen Hinterbliebenen zweier ermordeter Spitzenpolitiker um die Macht. Die Verbissenheit, mit der die beiden Begums - die eine Ministerpräsidentin, die andere Oppositionsführerin - miteinander rangen, resultierte nicht zuletzt daraus, dass es um den Schlagabtausch zweier Familienclans ging, die in der äußerst unruhigen und nicht selten blutigen Politik des jungen Landes von Anfang an eine führende Rolle spielten - schon die beiden ermordeten Männer waren Staatspräsidenten gewesen. Hinzu kam der Verdacht, dass der eine für den Tod des anderen verantwortlich gewesen sei.  

Unmittelbarer Anlass für die Spannungen waren die bevorstehenden Parlamentswahlen. Die Opposition verweigerte - die Boykottradition des Landes fortsetzend - die Beteiligung an den Wahlen mit dem Argument, das Ergebnis werde verfälscht, weil die gegnerische Bewerberin den Wahlkampf aus der Position der Ministerpräsidentin führe. Gleiche Wahlchancen seien nur gegeben, wenn die Regierung einige Monate vor der Wahl an einen Treuhänder übergeben werde. Der Streit um diese erstaunlich radikaldemokratische Forderung wurde mit größtem Einsatz geführt. Sie gipfelte in gewalttätigen Auseinandersetzungen wie Überfällen auf Polizeistationen, Tankstellen und Banken, bei denen es eine Reihe von Toten gegeben hatte. Für Mitte Februar war darüber hinaus ein Generalstreik ausgerufen worden. Die ausländischen Botschaften in Dhaka forderten die Fremden auf, sich nicht in der Nähe größerer Menschenansammlungen aufzuhalten.

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Kategorien: Bangladesch · Reise

Verschlossene Bedürfnisanstalt - ein Gruß aus dem Reich der Mitte

Januar 30, 2008 · Keine Kommentare

 

Als ich dieser Tage um den West-Lake von Hangzhuo spazierte, kam mir der Marienplatz in Stuttgart in den Sinn. Ich weiß, dass der Vergleich von Stuttgart und Hangzhou und des West-Lakes mit dem Marienplatz nicht ganz fair ist. Hanghzou ist mehr als zehn Mal so groß wie Stuttgart und sein See ist eine der großen Touristenattraktionen für die Chinesen. Auch stellte schon Marco Polo fest, dass Hangzhou die schönste und prächtigste Stadt der Welt sei, was von Stuttgart noch niemand behauptet hat. Da aber das Lob Marco Polos schon 700 turbulente Jahre zurückliegt und Hangzhou in der Reihe der Städte Chinas der Größe nach ähnlich platziert ist wie Stuttgart in Deutschland, scheint mir der Vergleich doch nicht so übertrieben. Dies gilt um so mehr, als die Sache, die meine Aufmerksamkeit erregte, bei allem Unterschied in beiden Städten sehr ähnlich ist. Hier wie dort war die Aufgabe, einen „Platz“ zu bauen, an dem sich die Menschen treffen und sich ihres Lebens freuen können. In Hangzhou ging es dabei um die Gestaltung der Ufer des West-Lakes, in Stuttgart um den Marienplatz. Beide „Plätze“ sind, auch das verbindet sie, nach einer Zeit der Vernachlässigung in den letzten Jahren völlig neu gefasst worden. Was mich ins Grübeln brachte, war, dass das Ergebnis so völlig unterschiedlich ausfallen konnte.

 

Im Hangzhou hat man am Ufer des Sees eine Vielfalt von grünen Anlagen mit abertausenden frisch gepflanzten Bäume geschaffen, die locker um natürliche und künstliche Gewässer gruppiert sind. Dazu gehören dramatisch wilde Steingärten, idyllische Miniaturlandschaften, von Säulen umstandene Plätze, verspielte Pavillons und Pagoden, buckelige Brückchen und rechtwinklig gezackte Stege mit Geländern, auf denen zahlreiche, jeweils unterschiedliche Löwenfiguren stehen; außerdem lange Dämme und allerhand sonstige Monumente. Alles ist bewegt und von einer ausgeklügelten Asymmetrie, weswegen der Blick immer wieder neue Haltepunkte und Perspektiven findet. Selbst in den Natursteinbelag der geschlängelten Wege hat man allenthalben handgearbeitete Steinreliefs mit figürlichen Szenen eingelegt, von denen keines dem anderen gleicht. Das Ganze ist mehr oder weniger im traditionellen chinesischen Stil gehalten. Die Anlagen werden von tausenden gutgelaunten Menschen bevölkert.

 

Den Marienplatz in Stuttgart, die Mitte eines großen Stadtteiles, der sich rund herum die Hügel hinaufzieht, hat man völlig leer gelassen. Das weite Rund ist mit rauen gelben Kunststeinplatten bepflastert, die nur von rasterartig angebrachten Regenrinnen unterbrochen werden. Eingefasst ist es von einer dicken Sichtbetonwand, deren einziger Schmuck kleine runde, symmetrisch angebrachte Vertiefungen sind, die so aussehen, als seien sie von einem Maurerlehrling angebracht worden, auf dessen Ausbildungsplan gerade Übungen im Fräsen von Löchern in hartem Beton standen. Vor der Wand liegen in regelmäßigen Abständen einfache dunkle Betonklötze, welche die Menschen dazu veranlassen sollen, sich niederzulassen. Sie sind so massiv, als habe der Platzarchitekt sicherstellen wollen, dass sie keinesfalls bewegt werden. An den Rand des Platzes, wo sich auch ein paar Bäume finden, hat man einen Spielplatz gelegt, der ebenfalls von dicken grauen Betonwänden eingerahmt wird. Aus schmucklosen Edelstahlöffnungen in der Wand fließt hier Wasser in eine rechteckige Wanne, in der ein paar geglättete Felsbrocken liegen. An einer anderen Ecke des Platzes sind ein paar symmetrische gepflasterte Bodenwellen zu sehen, deren Sinn nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Ansonsten findet sich nicht viel, was das Auge anziehen könnte oder was ihm gar vertraut wäre. Am ehesten ist dies noch bei dem Toilettenhäuschen der Fall, das ebenfalls am Rande des Platzes aufgestellt wurde. Ein Industriedesigner hat es in einem gestalterischen Geniestreich in einem kompakten, eleganten Oval untergebracht. Kopf und Fuß des Pavillons sind durch senkrechte Rillen verbunden, die an die Kanneluren klassischer Säulen erinnern. Seine Türe öffnet sich allerdings nur dem, der im dringenden Moment das nötige Kleingeld zur Verfügung hat. Der Platz ist, wie die Bedürfnisanstalt, meist leer. Die Menschen scheinen nicht so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

 

Wir haben uns am westlichen Ende des eurasischen Kontinents fast schon daran gewöhnt, dass neu geschaffene Plätze so ähnlich wie der Marienplatz aussehen. Beim Blick vom anderen Ende des Kontinents drängte sich mir nun aber mit einer Vehemenz, die mich erstaunte, der Verdacht auf, dass bei uns irgendetwas falsch gelaufen ist, dass wir so etwas wie die Mitte verloren haben.

 

Ich will einmal, obwohl man sich bei der Mentalität unserer Stadtgestalter da keineswegs sicher sein kann, unterstellen, dass die Erbauer des Marienplatzes nicht die Absicht hatten, die Menschen, für die der Platz geschaffen wurde, ratlos zu machen. Gerade dann stellt sich aber die Frage, wieso es ihnen nicht gelungen ist, einen Platz bauen, der den Bedürfnissen der Menschen dient, der sie auf seine Mitte zieht, mit anderen Worten, auf dem sie sich wohl fühlen. Nachdem sich mir die Frage aus der chinesischen Perspektive stellte, habe ich meine Hoffnung darin gesetzt, aus diesem Blickwinkel auch die Antwort zu erhalten. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Umweg über Ostasien ein wenig auch deswegen einschlage, weil ich hoffe, so den vollkommen „logischen“ kulturgeschichtlichen, praktischen und ökonomischen Begründungen aus dem Weg gehen zu können, die unsere Stadtgestalter ohne Rücksicht auf das konkrete Ergebnis für ihre Lösungen immer parat haben.

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Todernstes Spiel - Kult und Sport am Beispiel des altmexikanischen Ballspieles

Januar 30, 2008 · Keine Kommentare

Wer die präkolumbianischen Ruinen Mittelamerikas besucht, dem fällt auf, dass sich zwischen feierlichen Plattformen und Pyramiden immer wieder auch Ballspielplätze befinden. Auffällig ist dies deswegen, weil es sich bei den gewaltigen steinernen Resten der untergegangen indianischen Zivilisationen mit ihren monumentalen Podesten, Treppen und Schrägen um die Überreste der Sakralzonen der alten Städte handelt. Die Ballspielplätze liegen meist in unmittelbarer Nähe der wichtigsten Pyramiden und sind von allerhand sonstigen Zeremonialbauwerken von elementarer Geometrie umgeben. Schon die Lage der Spielfelder zeigt daher, dass es hier um mehr als Sport und Spiel ging. Tatsächlich wurden in diesen Arenen kultische und damit außerordentlich ernste Dinge verhandelt. Nach allem, was wir wissen, stand bei einigen Völkern dabei sogar das Leben auf dem Spiel.

Der Gedanke, dass der Sport kultische Funktionen haben kann, ist den christlich geprägten Gesellschaften fremd. Wir wissen eben noch, dass die Olympischen Spiele Altgriechenlands religiöse Bezüge hatten. Der Sport wurde in Europa aber schon in der Antike säkularisiert. Zweitausend Jahre leibfeindliches Christentum haben ein übriges dazu getan, einen möglichen Zusammenhang von Sport und Kult aus unserem Bewusstsein zu tilgen. Nach dem altchristlichen Menschenbild liegen Kult und Sport geradezu gegensätzliche Prinzipien zu Grunde. Die Stiftung von Sinn ist danach im wesentlichen eine Sache des Geistes und muss gewissermaßen gegen den Körper durchgesetzt werden. Spielerische körperliche Aktivität macht somit für sich keinen höheren Sinn.

In unserem Kulturkreis können wir daher über den ursprünglichen Zusammenhang von Kult und Sport nicht viel erfahren. Aufschluss hierüber können wir aber von der Betrachtung der präkolumbianischen Kulturen Mesoamerikas erwarten, bei denen Kult und Sport nie getrennt wurden. Dies gilt um so mehr, als die indianischen Zivilisationen weder das Rad noch Zugtiere kannten mit der Folge, dass der körperlichen Aktivität des Menschen ein besonders hoher Stellenwert zukam. Tatsächlich wurde auf den Ballspielplätzen des alten Mexiko denn auch ein Sport praktiziert, der besonders anschaulich zeigt, dass beim Spiel mit dem Ball wesentlich mehr als der Ball im Spiel ist.

Archeologische Funde zeigen, dass die Anfänge des altmexikanischen Ballspieles tief in der Geschichte liegen. Es wurde offenbar bereits über tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung bei den Olmeken gespielt, dem sagenhaften kulturellen Muttervolk Mesoamerikas, dessen markanteste Hinterlassenschaft die “ballartigen” monumentalen Kopfskulpturen sind, die man an der mexikanischen Golfküste fand. Wie viele andere kulturelle Errungenschaften der Olmeken wurde das Ballspiel von allen indianischen Völkern der Region übernommen und weiterentwickelt. Welche Bedeutung es in der mesoamerikanischen Kultur schließlich erlangte, spiegelt sich in der Tatsache, dass viele Zeremonialstädte mehrere Ballspielplätze besaßen. In der mayanisch-toltekischen Stadt Chichén-Itzá im Norden der Halbinsel Yukatan etwa wurden acht, in der zweitausend Kilometer davon entfernten Totonaken-Stadt El Tajín, 200 km nordöstlich von Mexiko City, sogar siebzehn Ballspielplätze gefunden. Als die Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts in Mittelamerika einfielen, war das Ballspiel bei den Völkern, die damals dort lebten, noch in Gebrauch. Die christlichen Eroberer sorgten jedoch, wie bei allem, was mit der indianischen Religion zusammenhing, auf’s Gründlichste dafür, dass es bald in Vergessenheit geriet. Dadurch ist der Traditionszusammenhang des Spieles vollständig verloren gegangen.

Die präkolumbianischen Kulturen sind erst vor relativ kurzer Zeit aus dem Dornröschenschlaf geweckt worden, in den sie teilweise schon lange vor der Ankunft der Spanier gefallen waren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Welt durch die Berichte europäischer und amerikanischer Reisender, die die Ruinen der Maya Städte im Dschungel aufgesucht hatten, auf die erstaunlichen Leistungen der indianischen Kulturen aufmerksam. Seitdem versucht man, die Zusammenhänge dieser Kulturen, deren Besonderheit, legt man unsere Maßstäbe zugrunde, eine höchst merkwürdige Mischung von Avanciertheit und Retardierung ist, in mühsamer Kleinarbeit zu rekonstruieren. Dabei ist man auch auf das vergessene Ballspiel gestoßen. Mittlerweile ist das Spiel im Zuge einer Rückbesinnung auf altmexikanische Traditionen an einigen Orten sogar wieder aufgenommen worden.

Unser Wissen über das altmexikanische Ballspiel ist dennoch begrenzt. Am besten Bescheid wissen wir über die Anlagen, auf denen das Spiel ausgetragen wurde. Ballspielplätze sind in mehr oder weniger gutem Erhaltungszustand bei Ausgrabungen überall in Mittelamerika gefunden worden. Sie bestanden in der Regel aus einem rechteckigen Platz, der von Mauern oder Wällen umgeben war, die in der Mitte tribünenartig in das eigentliche Spielfeld hineinsprangen. Das Spielfeld wurde dadurch im Mittelteil verengt und hatte so in etwa die Form einer römischen Eins. Die Größe der Arenen variierte erheblich. Einige Ballspielplätze waren kürzer als ein Basketballfeld, andere länger als ein Fußballplatz. Den größten Ballspielplatz fand man in Chichén-Itzá. Die Anlage, die inzwischen vollständig wiederhergestellt ist, ist so gewaltig, dass zweifelhaft ist, ob sie überhaupt bespielbar war. Das Spielfeld hat eine Länge von nicht weniger als 164 Metern und ist in der Mitte 36 und an den Enden 70 Meter breit. Mit ihren hohen Mauern, auf denen feierliche Tempel stehen, erinnert sie an die Arenen des europäischen Altertums, wie man sie etwa in dem amerikanischen Monumentalfilm “Ben Hur” dargestellt hat.

Die genauen Regeln des Ballspieles sind uns mangels einer näheren Beschreibung oder gar eines überlieferten Regelbuches leider nicht bekannt. Wir wissen aber, dass es sich um ein Mannschaftsspiel handelte, das in seiner Grundstruktur dem heutigen Volleyballspiel ähnelte und Elemente von Basketball enthielt. Der Ball war eine massive, elastische Kugel, die meist in etwa die Größe eines Handballes hatte und aus Kautschuk bestand, einem Material, das man vom Gummibaum gewann, der im Siedlungsgebiet der Olmeken an der Golfküste heimisch ist. Dieser Ball wurde wie beim Volleyballspiel über eine Mittellinie gespielt und durfte den Boden nicht berühren. Zusätzlich war er möglichst durch zwei Ringe von der ungefähren Größe eines Basketballkorbes zu schießen, welche an der Mittellinie in einigen Metern Höhe senkrecht an der Seitenbegrenzung des Spielfeldes angebracht waren. (Die aufwendig ornamentierten, steinernen Ringe haben die Spanier übrigens mit Vorliebe als Mühlsteine benutzt, was geradezu symbolisch für die Mischung von Sendungsbewusstsein und Nützlichkeitsdenken des europäischen Kolonialismus ist.) Die besondere Herausforderung an die Geschicklichkeit bestand darin, dass die Spieler den Ball nur mit dem Gesäß, den Hüften, den Schultern oder den Knien befördern durften. Da das Spielgerät ziemlich hart war und einiges Gewicht hatte, wurden diese Körperteile und die Hände, mit denen man sich beim Gesäßstoß am Boden abstützte, mit Lederpolstern oder Holzschienen geschützt, eine Art der Aus(f)rüstung, die sich noch heute in einigen typisch amerikanischen Sportarten wie American Football oder Baseball findet. Der gepolsterte Gürtel, den die Akteure beim Spiel trugen, erlangte im alten Mexiko geradezu eine eigenständige kultische Bedeutung. Solche Gürteljoche wurden, in Stein gehauen und prachtvoll geschmückt, überall in der Region gefunden.

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Echte Menschen - Eine Begegnung mit den Urwaldbewohnern Malaysias

Januar 30, 2008 · Keine Kommentare

Wir trafen Kulit, einen 27-jährigen malaysischen Flugzeugmechaniker, in einem klapprigen Bus auf dem Weg von den Urwäldern im Zentrum der malayischen Halbinsel nach Kuala Lumpur. Er kam, wie wir, aus dem malaysichen Nationalpark Taman Negara, wo er einem ausgefallenen “Hobby” nachgegangen war. Er suchte den Kontakt zu den Waldmenschen, jenen seltsamen, in keiner Weise mit den einheimischen Malayen verwandten Bewohnern der Urwälder, die man Orang Asli nennt, was so viel wie “ursprüngliche” aber auch “echte Menschen” heißt.

Wir selbst standen noch ganz unter dem Eindruck unserer eigenen unerwarteten Begegnung mit den Waldmenschen, einer nur wenige Minuten langen Episode, die uns als der Höhepunkt unserer Reise durch Malaysia erschienen war. Es war auf einer Wanderung im Taman Negara, dessen Urwald man als den ältesten der Erde bezeichnet, weil sich die Lebensbedingungen dort seit 400 Millionen Jahren nicht verändert haben. Mitten darin fand die eindrucksvolle Begegnung mit den Waldmenschen statt, deren Lebensform so alt zu sein scheint, wie der Wald, in dem sie leben.

Fernab vom